Zum Alltag auf den Stationen
Hochentwickelte Medizin und Sparkonzepte im Gesundheitswesen machen es Pflegekräften und Therapeuten immer schwerer im Kampf gegen die Zeit dafür zu sorgen, daß die betreuten Menschen nicht nur sauber, satt und zufrieden sind. Zeit für Gespräche, Bedürfnisse, Sorgen etc. sind schwer einzuplanen.
Was bedeutet Musiktherapie?
Die Musiktherapie bietet in vielerlei Hinsicht Möglichkeiten und Handlungsspielräume, um somatischen und psychischen Bedürfnisse aufzugreifen und zu bearbeiten. (hier eine Erklärung dafür) Musiktherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren. In der improvisierten Musik erhält der Mensch die Möglichkeit, seinen eigenen Ausdruck, seine eigene Musik zu machen, auch wenn er verschiedene körperliche bzw. geistige Defizite aufweist. Auf verschiedenen Zupf- und Schlaginstrumenten wird spielerisch mit Rhythmus, Klang, Geräusch und Gesten experimentiert. Es entsteht eine Musik, die spontan aus dem "Inneren" entsteht. Es ist möglich, daß der einzelne Spieler auf sich bezogen bleibt, d.h. in der Gruppe für sich allein spielt, aber auch über das Instrument in Kommunikation mit anderen treten kann. Es entsteht ein musikalisches "Leben/Verständigen/Kommunizieren im Augenblick". Ich möchte hier einige wichtige Aspekte der MT benennen, die in der Improvisation entstehen:
- "Soziale Integration durch Teilnahme an diesen Gruppen (aktiv und passiv) "ich bin dabei in der Gruppe". Ob Gehörlose, Blinde, Verwirrte, Gelähmte - alle können an dieser freien Form der Erlebnisaktivität teilnehmen. Beispiele: Instrument spielen, bunte Tücher schwenken, im Takt wiegen, mit dem Fuß den Rhythmus tippen, ein Band "knüpfen" von einem aktiven zum passiven Teilnehmer, Leuchtbälle oder Luftballons oder Schwungtuch einbeziehen). Vorher isolierte Menschen nehmen wieder aktiv am Leben teil, erhalten das Gefühl, zu etwas nützlich zu sein, etwas leisten zu können, etwas selbst zu tun.
- Damit kommen wir zum nächsten wichtigen Aspekt, der Steigerung des Selbstbewußtseins Jeder von uns erfährt täglich durch seine Arbeit und sein Tun, daß er gebraucht wird oder wenigstens "zu etwas nützlich ist". Alte Menschen haben oft das Gefühl nur noch "Ballast" zu sein, zu nichts mehr zu taugen, nichts mehr selbst tun zu können. Behinderungen, geistig oder körperlich, ziehen meist die soziale Isolation nach sich. Alltägliche Arbeiten, wie Körperpflege, Essen oder Anziehen, kann der Bewohner nicht mehr allein schaffen. In der Improvisation kann jeder schauen, "was kann ich noch" - nicht "was kann ich nicht mehr". Entsprechend seiner Fähigkeiten kann ein Instrument bzw. Begleitobjekt gefunden werden, was den Einzelnen aktiv werden läßt. Der Bewohner spürt sich im Tun, wird selbst - bewußter!
- Damit einher geht natürlich der nächste wichtige Aspekt: die Veränderung der Grundstimmung. Viele Bewohner, die ich zur Morgenmusik abhole, klagen über Schmerzen, Einsamkeit, Schlafstörungen etc. Viele leiden unter depressiven Verstimmungen, Ängstlichkeit vor Kontakt mit den anderen Bewohnern, sind verwirrt oder ähnliches. Meist gelingt es mir, sie zu einer "geselligen Runde mit Musik und Spiel" einzuladen. Das Stimmungsbild der Einzelnen ändert sich vom Beginn der Improvisation. Anfängliche Scheu vor den Instrumenten verliert sich, weil alle die gleichen Voraussetzungen mitbringen: nämlich oft "keinerlei Erfahrung mit Instrumenten" und "ich kann gar nicht singen" oder "Musik habe ich schon in der Schule nicht gemocht".
Bisher ist immer etwas "gut Klingendes" oder "Annehmbares" entstanden. Depressivität und Ängstlichkeit verwandeln sich schnell in Neugier, Aktivität - manchmal auch in Aggressivität. (auf der Trommel mal richtig "Dampf ablassen". Es entsteht sowohl während des Spieles als auch danach ein facettenreiches Stimmungsbild in der Gruppe. Manche sind plötzlich traurig, weil sie die Musik an etwas aus der Kindheit erinnert. Diese Traurigkeit kann dann im anschließenden Gespräch angesprochen und durchgearbeitet werden - ggf. auch im Einzelkontakt nach der Gruppe, wenn es dem Bewohner unangenehm ist. In der Musik sind andere Botschaften enthalten als in der Sprache. Musik beinhaltet ganze Lebensgeschichten, ruft vergangene Erlebnisse/Atmosphären wach, die die Bewohner aus der Lethargie holen, sie emotional anregen, lebendig werden lassen, weil er im für ihn verwirrenden Alltag endlich "bekannte und erkennbare Strukturen (Melodien, Klang) wahrnimmt.
Herausfordern von Aktivität
Die Instrumente haben meist für jeden eine Aufforderungscharakter. Selbst die "harten Einsiedlerkrebse" gehen/fahren nicht an der großen Tischtrommel vorbei, ohne einmal darauf geschlagen zu haben. Manchmal stelle ich ein Instrument zwischen zwei Bewohner, wenn sie sich allein nicht trauen zu sprechen. Die Vielfältigkeit der Instrumente bietet jedem Bewohner eine Möglichkeit zu Aktivität. (Beispiele: WK-Patient Holger = Kinderkastagnette, Schellenband zum Anbinden an entsprechendem Körperteil, Chimes für nicht gut steuerbare Bewohner Es entsteht eine vielschichtige Erlebnisaktivierung, die auch nach der Gruppe noch lange mitschwingt und dazu führt, daß für die nächste Stunde zumindest - meist länger - der Gesprächsstoff untereinander nicht ausgeht.
Weitere Möglichkeiten des Kontaktes in der Musiktherapie
- Gemeinsames Singen Gesammeltes Liedgut "aus alten Zeiten", ob Schlager, Volkslieder, "Soldatenlieder", Kirchenlieder oder Heimatlieder (z.B. Ostpreußenlied) bieten eine gute Grundlage zur gemeinsamen Aktivität. Geeignet ist das gemeinsame Singen besonders für demenziell erkrankte Bewohner, da diese hier vom noch intakten Langzeitgedächtnis zehren. Nicht selten singen sie fünf oder mehr Strophen eines Liedes mit vollständigem Text, können sonst aber kein sinnvolles Wort mehr sprechen. (kurz Limbisches System: Lernverhalten, Gedächtnis, Gefühle) Musik stellt wieder Verbindung her. Depressive Bewohner weinen zwar häufig beim Singen; dies wirkt sich aber meist erleichternd aus; wenn sich ihre angestauten Gefühle lösen können, ist danach Platz für eine neue Perspektive/Stimmung (Wichtig! Ist Begleitung und Beachtung dieser beschützenswerten Situation) Ängstliche Bewohner gewinnen oft Sicherheit und Struktur durch das Singen von "traditionellen, rituellen"Liedern. In Erinnerung an frühere "Singabende" fühlen/erleben sie wieder Verbunden-heit/Gemeinschaft.
- Lieder - Texte - Melodien raten
- instrumentale Beispiele vom Band
- Vorspielen von Melodien am Klavier
- Ansummen kurzer Passagen aus einem Lied
- Danach Texte auswendig zusammentragen Hierbei entsteht oft ein Wetteifern, wer am schnellsten den richtigen Titel herausfindet. Es bringt Spaß und Spannung und fordert die kognitiven Fähigkeiten der Bewohner. Für die Mutigen kann man einen Teil der Melodie vorspielen und die Bewohner die Melodie weitersummen lassen.
- Welches Instrument klingt? Nach anfänglicher "Instrumentenkunde" wird die Wahrnehmung jedes Einzelnen durch verstecktes Anschlagen eines Instrumentes geschult. (Ähnlich wie bei Kim-Spielen spielt man hinter einem Tuch, unter dem Tisch etc. Augen zu klappt oft nicht - es wird geschummelt, wo es geht.)
- Variante: Geräusch und Tierstimmen raten Eine Kassette aufgenommen mit verschiedenen Tierstimmen oder Alltagsgeräuschen (Geschirr klappern, Rasierapparat, Telefon....) sind spannend und von fast jedem lösbar.
- Kim-Spiel mit Instrumenten Auch hier bedarf es einer Einführung in die Instrumente. Manche Bewohner schaffen es mehr als zehn Instrument namentlich wieder zu finden. Das Spiel eignet sich für die etwas "trockenen" Bewohner, die mit "Gefühlsduselei" nichts am Hut haben.
- Gymnastik mit Musik, Bälle rollen, Aggressionsabbau
- Entspannungs-, Phantasie-, Klangreise Entweder mit Unterstützung vom Band oder CD-Player kann man die Bewohner meditativ aus dem Alltag führen. Es eignen sich Körperreisen, wobei die einzelnen Körperteile bewußt wahrgenommen und in die Entspannung gebracht werden. Körperreisen wirken beruhigend und stärken das körperliche Selbstbewußtsein. (Progressive Relaxation wirkt belebend). Phantasie- und Klangreisen dienen zur Stimmungsmodulation, zur Erlebnisaktivierung. Phantasiereisen sind für die älteren Bewohner meist nur annehmbar, wenn sie geistig und körperlich fit sind. Für verwirrte Menschen sind diese eher kontraproduktiv. Dagegen stimulieren freie Klangreisen, lassen Freiraum für eigene Handlung und Kreativität. Sie schränken weniger ein, da kein fester Rhythmus vorgegeben wird.
Musiktherapie im Einzelkontakt - Beispiele
Im Einzelkontakt kann das Stimmungsbild intensiver behandelt werden. Ein non-verbaler Dialog zwischen Bewohner und Therapeut macht die emotionale Lage hör-, spür- und sichtbar. Schon die Wahl des Instrumentes gibt Aufschluß darüber, ob er beispielsweise depressiv, ängstlich oder aggressiv-forsch ist. Assoziationen über die Form (das Instrument erinnert mich ...) oder den Klang geben Einblick in die Lebensgeschichte. Hier kommt der psychotherapeutische Anteil der Musiktherapie zum Tragen. Nach der Improvisation entsteht ein Gespräch über Klang, Atmosphäre etc. (Das Trommeln hat mich an Bomben erinnert. Damals saßen wir im Luftschutzkeller und hatten furchtbare Angst ...) Gefühle können so nachträglich bearbeitet werden, Ängste aus der Vergangenheit wiedererlebt und im therapeutischen Kontakt durch Begleitung durchgearbeitet werden. Wir nennen dies "Nachbeeltern / Nachnähren".
- Parkinson Das Zittern und das ungleichförmige Gangbild können relativ schnell durch betontes rhythmisches Musizieren beseitigt werden. Schon beim Hinführen zur Gruppe singe ich mit dem Bewohner z.B. "Das Wandern ist des Müllers Lust". Manchmal reicht auch Zählen 1 - 2 - 1 - 2 - In der Gruppe oder im Einzelkontakt kann man das Zittern in die Musik als "Tremolo" einbeziehen (Hier darf ich Zittern), was zur Folge hat, daß es danach oft einige Zeit nachläßt. Oft findet der Parkinsonkranke über rhythmisches Trommeln wieder Struktur und Ruhe.
- Schlaganfall Sprachstörungen verlieren sich in den meisten Fällen beim Singen, da ein anderer Part des Gehirns angesprochen wird. Man kann dem Patienten in der Musik "schrittweise entgegen kommen". Vormachen (Beispiel; wie geht es Dir singen und klopfen gemeinsam/getrennt jeder für sich, summen und klopfen, da da da da .... und klopfen. Bewegung und Stimme ist wichtig, damit auf verschiedenen Ebenen Impulse gestartet werden.
- Demenzielle Erkrankungen Beispiel: Unruhezustände Ein Bewohner auf der KzPf hat in solch einem Unruhezustand zuerst die Stereoanlage heruntergeworfen, dann einen Fernseher auf den Arm genommen und zuletzt sein Zimmerfenster aus der Wand gerissen. Ich habe mich mit ihm in den Flur gesetzt und Lieder gesungen. Er hat sogar seine Mundharmonika ins Spiel einbezogen. Während unsres gemeinsamen Musizierens war er völlig friedlich, weinte zwischendurch immer wieder vor Freude über eine erkannte Melodie oder eine gefundene Textzeile. Er blieb ruhig, solange unser musikalischer Kontakt währte.
- Depression Ein Bewohner mit einem Hirntumor war sehr depressiv. Im musikalischen Dialog lösten sich seine Tränen, die Oceandrum hatte ihn an Urlaube am Meer erinnert. Das gemeinsame Spiel hat er als wohltuend und tröstend erlebt.
- Chronische Schmerzzustände Monochorde haben eine intensive körperlich-seelische Wirkung. Die sanfte Vibration wirkt lockernd auf Muskulatur und Knochen. Der gleichbleibende "monotone" Klang wirkt beruhigend auf die Seele. Klangmassagen zeigen nicht nur bei WK-Patienten bedeutende Entspannung der seelisch-körperlichen Lage. Auch in der KzPf hatte die Behandlung mit dem Klangstuhl / Snoezelbett eine Verbesserung der psychosomatischen Funktion der betroffenen Bewohner zur Folge.
- Sterbebegleitung Wer schon einmal einen Menschen bis zu letzten Atemzug begleitet hat, weiß wie schwer es ist, diesem Beistand zu gewähren. Es fehlen die richtigen Worte und ... hört er mich überhaupt noch? Das Ohr ist bis zum Schluß das Tor zur Welt. Ein "Vater-unser" oder ein gesungenes Abendlied oder ein "Halleluja" gesummt können manch schwere Stunde erleichtern. Das der Betreffende uns hört, spürt man manchmal an einem letzten leichten Händedruck, einem flüchtigen Blick, einer Träne oder dem Atmen im Rhythmus der gesungenen Melodie. Man kann auf diese Weise viel Nähe ausdrücken und den Bewohner bis zuletzt gut begleiten.
Weitere spontane Möglichkeiten
- Küchenmusik = Begleitung mit Löffel, Topf, Küchenraspel
- Lieblingslieder suchen
- Alte Schallplatten auskramen
- Schunkellieder / Gymnastiklied (nach vorne, nach hinten, nach links und nach recht, nach oben, nach unten, das war schon nicht schlecht)
- Mal einen Schlager nachschmettern
- Karaoke mit Oldies
- In den Arm nehmen und ein Lied summen (Unruhe, Trauer ...)
- Gemeinsamen Rhythmus auf der Tischplatte (stärkt Gemeinschaftsgefühl)
- Instrumente aus Joghurtbechern, Telefon, Rasseln aus Plastikzitronen etc.
- Schluß: Fragen / Anregung / Diskussion

