Deutsche Gesellschaft für Musiktherapie

Was kann Musiktherapie bei Wachkomapatienten bewirken?

Musiktherapie leistet für die neurologische Frührehabilitation einen sehr entscheidenden Beitrag. Über Musik kann eine Beziehung vom Therapeuten zum Wachkomapatienten hergestellt werden, die Grundlage menschlichen Strebens (ich erkenne mich im du, M. Buber). Musik wirkt auf das limbische System, einen Teil im menschlichen Gehirn, der für Gedächtnis, Lernverhalten und Gefühle angelegt ist, unser gesamtes Erinnerungsvermögen beinhaltet. Da sämtliche Erinnerungen mit Emotionen gekoppelt sind, und Musik auf dieses emotionale Gedächtnis unmittelbar wirkt, ist die Erreichbarkeit eines komatösen Patienten auf diesem Wege leicht verständlich.
In der Musiktherapie kann somit auf einer sehr archaischen nonverbalen Ebene Kommunikation, Verständigung stattfinden, indem Gefühle evoziert werden, die einen Ausdruck finden und damit ein Austausch zwischen Patient und Therapeut stattfinden kann. Musiktherapie ist eine Form der Begegnung, wo der Wachkomapatient als Mensch angesprochen wird unabhängig von der "Funktionstüchtigkeit seines Körpers" oder sonstiger Defizite. Er kann so, wie er ist und wer er ist, sein und mit der Umwelt in Kontakt gehen. Musiktherapie öffnet die Wahrnehmungs- und Sinneskanäle. Musik erreicht den Patienten auf einer vielschichtigen und tiefen Ebene, sie erregt seine Aufmerksamkeit, erhöht seine Vigilanz und fördert seine Motivation, seine Fähigkeiten neu zu entwickeln. Musiktherapie ist ein psychotherapeutisches prozessorientiertes Verfahren, welches dem Wachkomapatienten 3 wichtige Bereiche der Aktivierung ermöglicht:
  1. die Ressourcenaktivierung
  2. die Prozessorientierung
  3. die aktive Musiktherapie im Hier und Jetzt

Ressourcenaktivierung Vorhandene Potentiale des Patienten werden in der Musiktherapie aufgespürt, in eine gemeinsame Improvisation integriert und somit in einen Sinnzusammenhang gestellt. Solche möglichen Ressourcen können sein:

  • vegetative Zeichen wie Atmung, Hautwiderstand, Temperatur, Puls, Herzschlag
  • angedeutete Bewegungen
  • lautieren
  • horchen = akustische Wahrnehmung
  • fühlen = taktile oder propriozeptive Wahrnehmung
  • empfinden = Gefühlswahrnehmung
Der Musiktherapeut ist bemüht, auf diese minimalen Zeichen zu achten, sie in der Therapie durch Klang hervorzuheben und diese in einen musikalischen Dialog einzubinden
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Prozessorientierung

Wie schon erwähnt, ist Musiktherapie ein psychotherapeutisches prozessorientiertes Verfahren, d.h., dass sie den Patienten an der Stelle abholt, wo er sich seelisch und körperlich befindet. Der Patient gibt dabei den Weg vor, der Therapeut (griechisch = Wegbegleiter) unterstützt die "natürlichen, schöpferischen Wachstumsprozesse, die jeder Mensch besitzt" (Perls). Er begleitet den Entwicklungsprozeß des Patienten aktiv, leistet ihm Beistand, ermutigt ihn, gibt ihm direkte Rückmeldung (biologischer Spiegel).

Aktive Musiktherapie im Hier und Jetzt

In der aktiven Musiktherapie im Hier und Jetzt steht die gemeinsame Improvisation im Vordergrund des therapeutischen Settings. Diese beinhaltet die Ressourcen des Patienten und die kreative Verarbeitung durch den Therapeuten. Ziele dieses interaktiven Prozesses können sein:

  1. Ermöglichung eines Ausdrucks des eigenen Befindens (ich spüre, höre, sehe... wie ich bin)
  2. Stärkung des Selbstbewußtseins (ich klinge, also bin ich)
  3. Sicherung der emotionalen Stabilität (ich höre, fühle, sehe ...mich begleitet)
  4. Förderung der körperlichen Fähigkeiten (ich kann summen, tönen, atmen....)
  5. Förderung der Konzentration ( woher kommt die Stimme...)
  6. Förderung der Vigilanz (Stimulation der sinnlichen Wahrnehmung)
  7. Herausführen aus der Isolation
Die Variabilität des musikalischen Werkzeugs ermöglicht dem Wachkomapatienten unendlich viele Techniken, einen aktiven Klang zu erzeugen, sich hörbar zu machen. Motivation durch selbständiges Handeln führt und begleitet den Wachkomapatienten auf behutsame Weise wieder in den aktiven Lebensprozeß, gibt ihm die Möglichkeit, sich wieder als selbständig handelnden Menschen zu erleben.